Umgang mit den Äußerungen von Thilo Sarazzin – Kritik an einzelnen Aussagen von Aaron Koenig in seinem Blog

Die Diskussion eintzündet sich über die Aussagen von Thilo Sarazzin und jeder meint dazu etwas sagen zu müssen. Aaron Koenig versucht das in seinem Blog nach dem Motto “Ein Fünkchen Wahrheit ist auch in jeder Aussage”, was ich für sehr gefährlich und missverständlich halte.

Ich habe dann immer das Bild von ein paar Männern mit Bier und Korn vor Augen, die sagen: “Da ist schon irgendwas dran. Ja, die Türken sind halt im Schnitt nicht so gescheit wie wir. Die müssen sich doch noch etwas besser anpassen.”  – “Aber der Aktan, der hat es doch geschafft.” – “Ja, aber der ist doch die Aussnahme, die meisten liegen uns doch nur auf der Tasche…” Anschließend saufen oder schnupfen sie sich den Rest ihrer Intelligenz aus der Birne. Oder sie gehen nach Hause und verprügeln ganz westlich progressiv ihre Frauen. *Achtung Klischee – Nicht ernst gemeint*

Aaron  schreibt:

Wer die Studien, auf die sich Sarrazin beruft, so versteht, dass alle Türken und Araber bildungsfern und integrationsunwillig seien, und alle Juden und Vietnamesen klug und leistungsorientiert, begeht einen groben Fehler. Aus statistischen Mittelwerten kann man nämlich keine Rückschlüsse über Individuen ziehen.

Hallo!? Das tut weder Herr Sarazzin und ist auch offensichtlich, zumindest bei weniger bildungsfernen Bevölkerungsgruppen! Aber auch ohne den Transfer der Daten auf Individuen und mit diesem Nachsatz ist die Aussage rassisitisch. Fragwürdig sind derartige Studien vor allem, weil sie sich auf schwammige Definitionen bei der Bildung, dem Integrationswillen und der Leistungsorientierung bedienen. Wer das Messinstrument entsprechend zusammenschustert bekommt als Aussage auch das, was er erwartet. Man fragte sich, ob solche Studien gezielt fossiert werden, oder ob sie auf der Dummheit einzelner Wissenschaftler beruhen. Nach der Interpretation der Studien muss dann noch scharf nachdenken, welche Schlussfolgerungen man daraus ziehen will, z.B. weniger intelligente Deutsche gegen osteuropäische Juden und Vietnamesen auszutauschen? – Letztendlich geht das völlig am Thema vorbei.

Wahr ist, in diesem unseren Lande muss über Einwanderungs-, Integrationspolitik und Rassismus geredet werden, aber nicht weil rassistische Äußerungen eines abgehalfterten Politikers, den wir mit unseren Steuergeldern bezahlen, an die Öffentlichkeit dringen. Wir sollten Symptome nicht mit Ursachen verwechseln.

Eine pauschale Verurteilung ganzer Bevölkerungsgruppen allein wegen ihrer Herkunft ist unanständig.

Das ist wahr, aber was bedeutet in diesem Zusammenhang Verurteilung? Dass man in die Interpretation irgendwelcher Studien schon solche pauschale Urteile einfließen lässt? Auch Aaron König macht davor leider keinen Halt, auch wenn ich davon ausgehe, dass das nicht beabsichtigt ist.

Die Aussage

Und natürlich gibt es auch türkische High-Tech-Unternehmer mit Hochschulabschluss und arabische Familienväter, die nichts dagegen haben, wenn ihre Töchter Minirock tragen und ohne Kopftuch ausgehen.

impliziert indirekt, dass die meisten Türken nicht so sind.

Also kann man die Aussage vielleicht auch so lesen: Die meisten arabischen Familienväter haben etwas dagegen, wenn ihre Töchter Minirock tragen oder ohne Kopftuch ausgehen.

Daraus lesen dann die meisten Leser: Die meisten Türken sind rückständig.

Schlussfolgerung: Die wollen wir hier nicht haben.

In Bezug auf die Ausländer, die nun schon hier sind, muss man nicht über Einwanderungspolitik sprechen.

Pantoffelpunk schreibt dazu:

Vielleicht sollte sich Aaron König also einfach einmal mit dem Alltagsrassismus auseinandersetzen, den die Migraten hier tagtäglich zu spüren bekommen und dazu dann auch in einem Artikel über ein so wichtiges und elementares Thema wie Integration etwas schreiben.

Wenn jemand wie Herr Sarazzin sich in der Öffentlichkeit mit derartigen Stammtischparolen hinstellt, dann sollten wir das vielleicht einfach als seine Meinung stehen lassen und uns anschließend fragen, warum wir ihn dafür mit unseren Steuergeldern bezahlen.

Einwanderungspolitik, Integration von Ausländern und Rassismus, sind drei Themen, die nicht zwingend zusammengehören. Wenn wir diese unreflektiv zusammenwerfen, landen wir sehr schnell auf dem Stammtischniveau, und ich meine nicht nur die Piratenstammtische.

Aaron  schreibt am Ende seines Blogeintrags:

[…]die Grundlage des Zusammenlebens in Deutschland ist ein gemeinsames Wertesystem. Dazu gehört ein klares Bekenntnis zur Demokratie, zur Meinungsfreiheit, zur Gleichberechtigung der Geschlechter und zur Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen und sexuell anders Orientierten.

Dem kann ich zustimmen, allerdings sollten wir darübe nachdenken, für wieviele unser altdeutschen Mitbürger wir diese Werte so einfach unterschreiben können. Die können wir doch nicht rausschmeißen, wenn die da nicht mitspielen. Und was ist mit den Christdemokraten, die glauben, wir würden in einer christlichen Republik leben?

Weitere Äußerungen zu dem Thema von Wolfgang.

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7 Responses to Umgang mit den Äußerungen von Thilo Sarazzin – Kritik an einzelnen Aussagen von Aaron Koenig in seinem Blog

  1. Pingback: Piratenpartei-News (piratennews) 's status on Saturday, 17-Oct-09 11:14:02 UTC - Identi.ca

  2. Nic says:

    Vielen Dank für diesen Artikel. Du sprichst mir aus dem Herzen.

    Diese Art des “versteckten” Rassismus, wie von T.S. und leider auch Aaron herausposaunt, widert mich an.

    Ich habe vermutet (http://nicsbloghaus.org/archives/1012-Bauernopfer-Sarrazin.html), dass T.S. nun geopfert wird; aber nicht, weil die Mehrheit ihm übel nimmt, *was* er sagte, sondern nur, weil er es laut sagte. Nun hat man ein Opfer (das sehr weich fällt und liegt) und kann das Thema abhaken – und muss nicht über die *Ursachen* des Scheiterns der Integration nachdenken noch über den o.g. genannten Rassismus.

    Mir ist klar, dass es sehr schwer ist, sich selbst von dieser Art Wertung frei zu machen; immerhin sind wir den Medien ausgesetzt, die dies gut und gern bedienen. Aber es ist wichtig, dass wir uns das ab und an bewusst machen.
    Wenn wir als Piraten antreten, für Bürgerrechte einzustehen, dann meint das auch die Rechte derer, die keine Stimme haben.

  3. Pingback: Donutpiraten Blog

  4. Ein Pirat says:

    Ich denke du wirfst hier in dem Posting auch einige Dinge durcheinander, die die Diskussion erschweren. Ich werde mal versuchen diese Sachen auseinanderzunehmen. Dabei werde ich einige Themen anschneiden müssen, die bei oberflächlicher Betrachtung in der Nähe von Fremdenfeindlichkeit liegen. Ich hoffe, wer auch immer dies liest wird aber genau genug lesen könne um zu sehen, dass da keine Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus hintersteckt, sondern es eher darum geht zu überlegen, wie die bestehenden Probleme gelöst werden können.

    Zitat:
    “‘Wer die Studien, auf die sich Sarrazin beruft, so versteht, dass alle Türken und Araber bildungsfern und integrationsunwillig seien, und alle Juden und Vietnamesen klug und leistungsorientiert, begeht einen groben Fehler. Aus statistischen Mittelwerten kann man nämlich keine Rückschlüsse über Individuen ziehen.’

    Hallo!? Das tut weder Herr Sarazzin und ist auch offensichtlich, zumindest bei weniger bildungsfernen Bevölkerungsgruppen! Aber auch ohne den Transfer der Daten auf Individuen und mit diesem Nachsatz ist die Aussage rassisitisch.”

    Diese Aussage erscheint auf den ersten Blick rassistisch. Jedoch bedeutet Rassismus, dass eine direkte Kausalität zwischen der Volksangehörigkeit einer Person und deren Eigenschaften hergestellt wird. Wichtig ist an dieser Stelle der Punkt der Kausalität, also die Volkszugehörigkeit wird selbst als Grund genommen. Wer sich etwas in der Wissenschaft auskennt, weiß, dass Kausalität und Koinzedenz zwar gerne vertauscht werden, aber in der Wissenschaft streng getrennt werden müssen. An diesem Punkt greift auch die Studie an, wenn man den entsprechenden Spiegelartikel liest. Es wird dort an keiner Stelle die Volksangehörigkeit als Grund hergeleitet, ganz im Gegenteil es werden diverse, von der Volkszugehörigkeit unabhängige Gründe angeführt die zu den statistischen Resultaten führen.

    Mehr dazu:
    Wo genau liegt der Unterschied wenn man von Koinzedenzen, statt von Kausalitäten spricht?
    Stellt man eine Kausalität zwischen der Volkszugehörigkeit und den statistischen Werten her, so hat man den Fall, dass man gewisse Personen eben schon aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit disqualifiziert. Man leitet sich also durch die Kausalität eine Auffassung her, es gäbe so etwas wie Untermenschen oder Übermenschen. Da sich der Grund für die statistischen Abweichungen nach unten in diesem Denkmodell eben nicht lösen lässt bleiben nur wenige möglichkeiten damit umzugehen. Diese Position ist also klar Fremdenfeindlich.
    Stellt man hingegen eine Koinzedenz fest, streitet aber gleichzeitig jegliche Kausalität ab, so muss es irgendwelche anderen Faktoren geben, die die statistischen Abweichungen hervorrufen. Gegen diese Faktoren kann man dann angehen, ohne gegen die Person selber angehen müssen. Also gerade eben ein nicht fremdenfeindlicher Umgang mit den entsprechenden Gruppen. Im Falle, dass die statistischen Abweichungen für den Betroffenen selber negativ sind, so kann man dadurch gerade den entsprechenden Personen helfen, anstatt ihnen zu schaden. Beispielsweise ist es zwingend notwendig, dass festgestellt wird, dass es eine höhere Arbeitslosigkeit bei den deutschstämmigen Türken gibt, um spezielle Programme ins leben zu rufen, die auf diese Personen angepasst (bsp. türkischsprachige Personen am Arbeitsamt, die den arbeitslosen Türken helfen Arbeit zu finden). Versucht man hier gutmenschlich die entsprechenden Studien schlechtzureden, so verhindert man zwar, dass gewisse fremdenfeindliche Kreise die Studien fehlerhaft kausal (“Alle Türken sind faul”) statt korrekt koinzedenzmäßig (“Türken sind häufiger Arbeitslos als andere”) deuten, man nimmt sich aber gleichzeitig die Möglichkeit effektiv auf die Probleme einzugehen.

    Fazit:
    Ich verstehe Aarons blogpost gerade so, dass er an eben diesem Punkt angreifen will. Also eine Diskussion über spezielle Probleme von diversen Immigrantengruppen ohne fremdenfeindliches Gedankengut ermöglichen will. Ohne diese Diskussion macht man es sich unmöglich diesen Gruppen effektiv zu helfen, und schafft es auch nicht der Fremdenfeindlichkeit gegenüberzutreten. Solange es Unterschiede gibt, werden Rassisten diese Benutzen um eine Kausalität herstellen, egal ob es eine Studie dazu gibt oder nicht. Die Hetzpropaganda wird also nicht weniger wenn man sich nicht auf die Studien bezieht. Bezieht man sich jedoch auf diese Studien und arbeitet an den Problemen, die bestehen, so entzieht man der Hetzpropaganda damit die Grundlage, da eine Beseitigung der Probleme ganz klar zeigt, dass es eben keine Kausalität gibt. Daher halte ich es für wichtig diese Studien eben nicht vergutmenschlicht unter den Tisch kehren zu wollen, sondern ihnen offen zu begegnen und darauf korrekt einzugehen.

    • quintil says:

      @Ein Pirat
      Das mit den Koinzidenzen und der Kausalität verstehe ich, ich kann diese Problematik aber nicht aus dem Blogeintrag von Aaron herauslesen, insofern bin ich gerne bereit meine Kritik an den Studien zurückzunehmen, allerdings fällt es mit schwer das auch bezüglich dem, was ich bei Aaron gelesen habe zu tun.

  5. Ein Pirat says:

    @quintil
    Ja, ich stimme dir zu, dass das was ich da geschrieben habe nicht so direkt aus Aarons Blog zu entnhmen ist, sondern sehr stark auf meiner eigenen Interpretation beruht. Möglicherweise stecken da natürlich auch viele eigene Hoffnungen mit drin, dass die Partei zu der ich gehöre nicht von fremdenfeindlichen Leuten geführt wird.

    Der wichtigste Punkt den ich den Blog allerdings entnehme, ist, dass Aaron nicht direkt T.S.s Aussagen zustimmt, sondern vor allem für den Anstoß der Diskussion dankbar ist. Und da kann ich ihm, aufgrund der oben geschilderten Situation nur zustimmen.

    Selbstverständlich finden sich in Aarons Post auch noch andere sehr kritische Passsagen, wie z.B. der Vergleich mit dem australischen Punktesystem. Ein Freund von mir musste sich vor kurzem einiges von mir anhören, weil er mir einen Artikel über dieses Punktesystem aus einer rechten Internetzeitung geschickt hatte. Bei Aaron fällt es mir schwer jedoch eine wirklich klare Stellungnahme dazu zu sehen. Schade.

    Auch kann ich Aaron nicht zustimmen, dass sich das Problem durch eine gezieltere Steuerung der Einwanderung lösen lässt. Ich denke an der Stelle müssen wir bessere Methoden finden um im Inland mit den entsprechenden Bevölkerungsgruppen umzugehen. Eine Ausgrenzung kommt dabei für mich nicht in Frage.

    Also, um es kurz zu fassen: Ich sehe den Blogeintrag von Aaron ebenfalls sehr kritisch, jedoch bei weitem nicht so kritisch wie es an einigen Stellen behandelt wird.

  6. quintil says:

    @Ein Pirat
    Ich habe kein Problem damit, die Äußerungen von Aaron eher als Unachtsamkeiten zu werten, schließlich hat er das in seinen Blog geschrieben und nicht in eine offizielle Erklärung des Bundesvorstands. Ich kann aber auch verstehen, dass jemand, der intensiver und auch emotionaler in dem Thema drin steckt, heftiger darauf reagiert. Ich denke, es schadet nicht da ein bisschen die Augen offen zu halten.

    Wenn nicht jetzt, wann sollen wir uns dann an solchen Themen reiben?😉
    Ich denke, dass sind Abstimmungs- und Gruppenbildungsprozesse, die jetzt bei den Piraten laufen müssen, bevor wir wieder in irgendeinen Wahlkampf untertauchen.

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